Neu: Geschichten der Nacht
Vor vielen Jahren, in einem anderen Leben, habe ich einige Geschichten geschrieben…. die möchte ich euch nun nicht vorenthalten.

Das alte Schiff lag im Hafen. Wunderbar renoviert. Die Meyers hatten ihr Leben drangegeben, es wieder so wunderschön hinzukriegen, wie es in jungen Jahren einmal gewesen war. Der Lack glänzte, das Mahagoni leuchtete dunkel, die Segel glitzerten weiss in der frühen Morgensonne.
Eva und Peter stiegen ehrfürchtig an Bord, des Lobes voll. „Ganz wunderbar habt ihr das gemacht!“
Die Meyers lächelten säuerlich. Seit 30 Jahren widmeten sie alle ihre Ferien diesem Schiff. Nie waren sie in den Bergen gewesen, nie auf Städteflug. Aber das Schiff glänzte und funkelte – düster, geheimnisvoll, man könnte fast sagen lüstern.
Eva bewunderte die Innenräume, während Peter sich die nautischen Instrumente ansah.
Die Meyers setzten Segel, und langsam nahm das Schiff Fahrt auf. Sie verliessen den sicheren Hafen, dann die ruhige Küste und waren bald auf dem offenen Meer. Die Wellen gingen hoch, denn es wehte ein steifer Wind. Eva und Peter bekamen glasige Augen und näherten sich schnellstens der Reling. Dass sie nach zwei Minuten schon die Fische fütterten, muss nicht speziell erwähnt werden. Die Meyers lächelten hämisch und gaben den guten Rat, doch den Horizont anzusehen, das beruhige. Doch Eva und Peter kotzten weiter. Das Schiff wurde verschmutzt, doch der Dreck von der Gischt gleich wieder weggewaschen. Das dunkle Mahagoni lächelte düster.
Weiter und weiter fuhr das Schiff ins offene Meer hinaus. Die Meyers hassten das Schiff, und das Schiff hasste die Meyers. Heute besonders. Denn die Meyers hatten es zugelassen, ja sogar herausgefordert, dass Eva und Peter das Schiff vollkotzten. Das würde das Schiff den Meyers nie verzeihen. Der Wind wurde immer stärker, der Lack glänzte immer dunkler und die Meyers begann ein unheimliches Gefühl zu peinigen.
Frau Meyer stand am Bug, die Nase im Wind, und sog begehrlich die frische Luft in die Nase. Als sie nach langer Zeit immer noch dort stand, wurde Eva unruhig, und sie schickte Peter nach vorne, um nachzuschauen. Frau Meyer stand unbeweglich, wie eine Galionsfigur. Galionsfigur? Hm…. Peter hüstelte… stiess sie mit dem Finger an. Sie war hart, hölzern, lackiert. Der Schmuck glänzte golden, und ein seltsames Lächeln lag auf den Lippen der Figur. Erleichterung oder Resignation?
Peter schrie auf und Eva kam herbeigelaufen. Entsetzt starrte sie auf Frau Meyer. Peter stieg nach unten, um Herrn Meyer zu suchen, der das Steuer fixiert hatte und im Motorenraum noch etwas flicken wollte. Peter sah gerade noch, wie der Motor, gross und schwarz, eine Klappe aufmachte und Herr Meyer hineinstieg. Die Klappe schloss sich mit einem unangenehmen Geknirsch. Dann erdröhnte der Motor und lief mit einem satten Geräusch an. Peter floh.
Auf Deck stand Eva an den Mast geklammert und weinte. Peter umarmte sie. Die Sonne schien heiss und brennend. Eigentlich immer heisser. Das war ihnen noch gar nicht aufgefallen, denn eine Eiseskälte hatte sich um ihre Herzen gelegt. Am Horizont tauchte eine Insel auf. Man sah bald die Bäume über der Insel stehen. Die Bäume waren rund, wie Eichen- oder sonstige Laubbäume. Farbig waren sie, aber seltsame Farben. Hellbau, zartgelb und orange schimmerten sie. Das Schiff glitt schnell näher und lief sanft im Küstensand auf. Eva und Peter liessen den Mast los und kletterten erleichtert vom Schiff hinunter und wateten durch das Wasser auf die wunderbaren Bäume zu. Keinen Blick wandten sie zurück zu dem Schiff. Unter den Bäumen angekommen, atmeten sie erleichtert auf, und gingen Hand in Hand durch die in allen Edelsteinfarben glitzernden Bäume. In der Mitte der Insel trafen sie auf etwas Unerwartetes. Ein Schild. Ein Schild zu einer Untergrundbahn!
Dahinter war eine Treppe nach unten zu sehen. Schnell stiegen sie die Stufen hinunter. Mit jedem Schritt fühlten sie sich wohler. Nach 100 Stufen betraten sie den Tunnel mit dem Bahnsteig. Schon hörten sie das Rumpeln des herannahenden Zuges. Er war voller Leute. Sie stiegen ein und fanden in der Ecke noch zwei freie Sitzplätze. Dort setzten sie sich hin und fuhren mit bis zur Endstation. Dort stiegen sie aus.
Sie waren direkt am Hafen. Vorsichtig warfen sie einen Blick zum Ankerplatz des Schiffes.
War er leer???
